MEIN BRIEF AN EUCH

 

Ein Brief an Anadi
und an alle in der Sangha

von Sissy

Lieber Anadi,

die Themen unseres gestrigen Talks beschäftigen mich weiterhin sehr. Ich finde es so hilfreich, diese Fragen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten. Das heißt, zunächst erscheinen manche Ansichten vielleicht verschieden, aber letztendlich treffen wir uns dann doch im gleichen Raum wieder: Dieser Ebene, auf der wir einerseits nichts, aber in der Tiefe unseres Herzens doch alles wissen…

 

MITGEFÜHL

Gestern Abend habe ich in dem Buch „Das weise Herz“ von Jack Kornfield einen Abschnitt zum Thema Mitgefühl entdeckt, der die Essenz unseres gestrigen Zusammenseins für mein Verständnis nochmal unterstreicht: Jeder Wunsch nach Veränderung beginnt mit einer klaren, „ganzherzigen“ Ausrichtung.
Ich schreibe Dir den Text ab, einerseits um mich selber nochmal damit zu verbinden, aber andererseits auch aus meinem Wunsch heraus, ihn mit Dir und Euch zu teilen:

„Mit Mitgefühl leben bedeutet nicht, dass wir all unsere Besitztümer weggeben, jeden Obdachlosen, den wir auf der Strasse treffen, bei uns aufnehmen und uns all unserer Probleme in unserer Familie bzw. Gemeinde annehmen.

Mitgefühl ist keine Co-Abhängigkeit.

Es heißt nicht, dass wir unsere Selbstachtung aufgeben oder uns blind für andere aufopfern. Im Westen herrschen manchmal keine klaren Vorstellungen diesbezüglich. Daher fürchten wir oft zu Unrecht, dass wir eventuell vom Leiden der anderen überwältigt werden, wenn wir „zu viel“ Mitgefühl empfinden. Aber das geschieht nur, wenn das Mitgefühl einseitig bleibt.

In der buddhistischen Psychologie ist Mitgefühl ein Kreis, der ALLE Wesen umfasst, also auch uns selber.

Mitgefühl entsteht nur, wenn wir sowohl uns selbst als auch die anderen im Blick halten, wenn die beiden Seiten der Waage im Gleichgewicht stehen.
Mitgefühl ist nicht töricht. Es sorgt nicht einfach dafür, dass andere bekommen, was sie unbedingt haben wollen.
Im Mitgefühl gibt es ein klares „Ja“, aber auch ein ebenso klares „Nein“, das von demselben Mut des Herzens getragen wird.“

ICH UND DU

Ich denke, wir sollten nie aufhören, an uns selbst, an unsere gemeinsame Fähigkeit zur Ermächtigung zu glauben und auch an das „letztendlich Gute“ in der Welt, gleichzeitig mit all dem „Schrecklichen“, das sie ebenfalls bietet.

Martin Buber hat diese Ermutigung für mich recht aufmunternd und wohlwollend formuliert in seinem Werk „Ich und Du“:

„..nur wer an die Welt glaubt, bekommt es auch mit ihr selbst zu tun…und gibt er sich erstmal dran, kann er auch nicht gottlos bleiben.
Lieben wir die wirkliche Welt, die sich niemals aufheben lassen will, nur wirklich- in all ihrem Grauen- wagen wir es nur, die Arme unseres Geistes um sie zu legen.
Dann begegnen unsere Hände den Händen, die sie halten“.

 

 

Soweit fürs erste meine Gedanken lieber Anadi, obwohl da gerade noch viel mehr in mir sprudelt, für das ich aber noch keine Worte finde.

Mit Herzensgrüßen an Euch alle

Sissy

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