WIEDERKEHR DER GÖTTIN

 

ein Text von Andrew Harvey

 

Das höchste Geheimnis des Universums, das uns die weisen der großen mystischen Traditionen verraten, besteht darin, dass das Universum Kind einer grenzenlos fruchtbaren Vermählung zwischen allen nur vorstellbaren Gegensätzen ist – zwischen Transzendenz und Immanenz, Geist und Materie, Dunkelheit und Licht, männlich und weiblich. Mahayana-Buddhisten feiern diese heilige Vermählung als Vereinigung männlichem Mitgefühls und weiblicher Weisheit in erleuchtetem Bewusstsein, und der große hinduistische Mystiker Kabir verherrlichte sie mit seiner Behauptung: „Das formlose Absolute ist mein Vater, und meine Mutter ist die verkörperte Gottheit.“

Es ist die große Tragödie unserer Welt, dass die ausgewogene Wahrheit dieser Vereinigung von Gegensätzen in Vergessenheit geriet zugunsten einer fatalen Überbetonung dessen, was man die negativen „maskulinen“ Werte von macht, Kontrolle und Beherrschung nennen könnte. Dieses Ungleichgewicht hat zu einer katastrophalen globalen Krise geführt, die sich in unserer wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Anbetung der Hierarchie zeigt, in der Zunahme von tödlichem Fundamentalismus, in der Vergewaltigung von Natur und Erde und in den Vorstellungen unserer Religionen vom Göttlichen, die die Materie denaturieren, die Sexualität herabwürdigen, die heilige Kraft der Beziehungen entwerten und die Heiligkeit des Lebens selbst radikal untergraben. Dies resultiert in der möglicherweise finalen apokalyptischen Bedrohung unserer Zeit sowie den Gefühlen von Angst, Sinnlosigkeit und Hilflosigkeit, denen wir alle ausgesetzt sind.

Der große Mystiker und Dichter Friedrich Hölderlin jedoch wusste schon: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Die Rettung in unserer Zeit liegt für mich in der vollständigen Rückkehr zum Göttlich-Weiblichen – der Mutter – mit all ihren Stimmungen, Gestalten, Qualitäten, Leidenschaften und Kräften. Nur die Wiederkehr der verbannten und entehrten Braut in all ihrem Glanz kann zu einer authentischen heiligen Vermehrung zwischen dem heilungswilligen Maskulinen und dem machtvollen Weiblichen auf jeder Ebene unseres inneren und äußeren Lebens führen. Erst die vollständige Rückkehr der Mutter kann die Menschheit wieder mit ihrem Verständnis für Zusammenhänge, ihrer Identifikation mit allen empfindsamen Wesen in grenzenlosem Mitgefühl, ihrem großen Aufruf zur Gerechtigkeit für alle und ihrer zärtlichen Wertschätzung allen Lebens erfüllen. Nur diese mütterliche Weisheit und Liebe in allen Lebensbereichen kann die Menschheit jetzt noch retten. Der große indische Weise Sri Aurobindo schrieb: „Wenn es eine Zukunft gibt, wird sie eine Krone weiblichen Entwurfs tragen.“

Nachwort von Andrew Harvey aus dem Buch von Morio Shrestha:

GÖTTINNEN DER HIMMLISCHEN GALERIE

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