WAS IST SANGHA?

 

Aus Anlass des Briefes unserer Schwester und der Antwort (> Ein Brief 1) kommt nun heute ein sehr bereichender Beitrag non Maria, den wir gerne mit Euch teilen.

 

 

Sie schreibt:

Liebe alle,
ich möchte an dieser Stelle etwas hinzufügen, was für mich die Sangha auch ist.
Ich lebe nun seit 15 Jahren in Gemeinschaft, die – wie man es auch immer sehen will – auch eine Art von Sangha ist. Es war in den letzten Monaten immer wieder eine riesige Herausforderung, die vielen unterschiedlichen Meinungen, Herangehensweisen und Sichtweisen auf Corona soweit unter einen Hut zu bekommen, dass wir noch den Namen Gemeinschaft verdienen.

Nachdem ich mich im Frühjahr umschaute in der deutschen Gemeinschaftsszene, in der ich sehr gut vernetzt bin, wurde schnell deutlich, dass der Riss, der gerade durch die Gesellschaft geht, auch durch die meisten Gemeinschaften geht – und warum? Weil wir plötzlich individuell, psychisch, seelisch, ideell in einer Weise gefordert sind, die es vorher so nie gab.

Wo war und ist also diese Hülle, die bei allen Differenzen immer noch den Gemeinschaftskörper soweit einhüllte, dass er dem Kollektiv eine Identität gab? Was war also die Beschaffenheit dieser Hülle,die jeder Spürte, ohne, dass sie benannt werden konnte?

Worin lag und liegt also die Aufgabe und der evolutionäre Schritt von Gemeinschaft in einer Zeit, in der „Etwas“ kommt und uns auf einer zutiefst basalen Eben als Menschen ent-zweit?

Aus meiner Sicht geht es da um eine radikale, manchmal vielleicht auch schmerzhafte innere Ausdehnung, die in der Lage ist, das völlige Anders-Sein eines Menschen zu akzeptieren – eines Menschen, der vorher meine Werte geteilt hat…
Die Vielfalt der Informationen, die derzeit durch den Äther fliegen, kann nur individuell interpretiert werden und NIEMAND hat hier die Wahrheit gepachtet.

Ja, ich habe meine ganz persönliche Sicht auf Corona, die an dieser Stelle aber nicht teilen möchte, denn darum geht es nicht.
Meine Frage an uns alle, Anadi und mich eingeschlossen, ist: sind wir in der Lage das grundsätzliche Anders-Sein eines Menschen zu akzeptieren, in seiner/ihrer Sichtweise?

Anna würde jetzt sagen: ah, Second Level für die Sangha…

Ein Sangha ist kein Freundesclub, der gleiche Meinungen teilt, sondern ein Gefäß, dass uns einlädt, unsere Komfortzone in Richtung Wahrhaftigkeit auszudehnen, an den Stellen, die uns am meisten schmerzen oder Angst machen, ein Raum, der nach Wahrhaftigkeit sucht – „Tantra im Alltag“ sozusagen, denn Tantra bedeutet wörtlich: „Mittel zur Ausdehnung.“

Wenn mir also in diesem Feld eine mir entgegengesetzte politische oder ideelle Meinung begegnet, dann geht es für mich darum, dieser in mir eine Platz einzuräumen, auch wenn es vielleicht richtig weh tut. Die Suche nach politischer Einheitlichkeit erscheint mir hier wie in allen Gemeinschaften zwecklos, denn wir sind durch Corona in unserem Menschsein anders gefordert als jemals zuvor.

Dass das Internet mächtig am Polarisieren ist – und zwar auf BEIDEN Seiten – ist deutlich und die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. DAS ist die große Herausforderung aus meiner Sicht und auch eine Praxis von „Sangha“: aus dem polarisierten Denken in die Eigenverantwortung eines ganzheitlichen, intuitiven, fühlenden und plastischen Denkens und Handelns zu kommen, dass nicht auf Meinungen basiert, sondern auf der Fähigkeit, sich mit den eigenen Ängsten und vielleicht auch einseitigen Überzeugungen zu konfrontieren, um somit in der Bereitschaft zu leben, sich ALLEINE den Weg durch den Dschungel zu bahnen.

Ich hab immer wieder erlebt, dass es hier Gefährten und Gefährtinnen gibt und das ist absolut wichtig! Und dennoch gab und gibt es immer wieder Situationen, in denen ich mich plötzlich abgrenzen muss, weil sie mir zu lasch oder zu extrem sind.

Eines der wichtigsten Sutren in der Tradition meines Lehrers Thich Naht Hanh hat den Titel: „Über den besseren Weg, alleine zu leben“.

Damit ist nicht gemeint, dass ich nicht in Gemeinschaft leben soll, sondern es ist ein Aufruf zur Praxis, mich meiner inneren Wahrheit zustellen und darin alleine sein zu können. Diese vertikale Richtung und Aufrichtung, in der auch Jesus gelebt hat, ist die eine Richtung des Kreuzes. Die zweite ist die horizontale, es ist die Ebene, die ihren lebendigen spirituellen Ausdruck zwischen den Menschen findet.

Thomas Hübl beschreibt es aus mystischer Sicht so, dass das Wachstum und die Ausdehnung des Menschen zwischen „Becoming“ (der Fähigkeit, ganz für sich alleine stehen zu können, sich vom Clan und von der vertrauten Gruppe für die Wahrhaftigkeit der eigenen Lebensimpulse abgrenzen zu können) und „belonging“ (die unhinterfragte Zugehörigkeit zu einem Kreis oder einer Gruppe, das Nähren, die Nähe und Andocken dürfen) geschieht. Wir brauchen beides, um in ein erwachsenes und kraftvolles Mensch-Sein hineinwachsen zu können. Beide Ebenen bedingen und vertiefen sich gegenseitig und das gilt am ALLERMEISTEN für die Sangha, die sich an der Schnittstelle des Kreuzes befindet.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen den Segen des Wachsens, der immer mit Freude und Schmerz einhergehen darf.

Maria

Ulla

Liebe Maria, ich danke Dir für die Gedanken und Erkenntnisse, die mir aus der Seele sprechen und die mir helfen, meine eigenen Gedanken und Gefühle sowie die Erkenntnisse aus dieser bedeutsamen Zeit benennen zu können. In Liebe Ulla

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.