WAS IST SANGHA?

Dies ist die Antwort auf den sehr persönlichen Brief einer Schwester, in dem sie ihre tiefe Besorgnis über die gegenwärtige Situation in unserer Gesellschaft, auch im Bezug auf die Sangha, zum Ausdruck gebracht hat und den ich aber in Achtung der Privatsphäre hier nicht wiedergebe.

Hier nun meine Antwort.

Liebe Schwester,
namaste.

Ich danke Dir für Deine ausführliche Botschaft, und weil es Dir gerade nicht leicht fällt, am Computer zu sitzen, weiß ich dies um so mehr zu schätzen.

Ich bin berührt von Deiner Offenheit, mit Dir Du mir schreibst, was Dich bewegt und belastet und gerne will ich auch dazu Stellung nehmen, so gut ich kann.

Das Thema Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit und authentisches Sein und Handeln zieht sich seit Wochen durch unsere sonntäglichen Treffen und so war es auch am Sonntag nach Anna‘s Abschied wieder präsent, denn es berührt ALLES im Leben bis zum letzten Atemzug. Unsere Schwester hat es uns vorgelebt. Wenn es denn ein Vermächtnis gibt, dass sie uns hinterlassen hat, dann ist es dieses und es klingt mir noch in den Ohren. Am Vormittag ihres letzten Lebenstages schaute sie mich an und sagte: Anadi, keine Spielchen mehr. Nun kann jeder von uns selbst nachspüren, was dieser Aufruf bedeutet. Weil Du Maria erwähnt hast, ich weiß, sie nimmt sich das sehr zu Herzen und hat deswegen auch so klar sprechen können und wollen, was immer sehr gut tut und weil es uns direkt daran erinnert, wer wir sind. In früheren Zeiten nannten die Menschen dies: Zeugnis ablegen.

Wer wir sind.

Ich weiß, dass auch in der Sangha verschiedene Informationen zum Thema Corona die Runde machen, sie kamen teilweise auch zu mir. Ich habe sie weder gelesen noch bin ich selber auf den diversen Netzwerken unterwegs. Ich habe gar keine Konten bei Sozialen Medien. Es ist nicht nur eine Frage des persönlichen Energiehaushalts sondern insbesondere auch der inneren Selbstfürsorge, die ich mir selbst verschrieben habe. Von daher kommt nichts zu mir, das ich nicht selber einlade.

Ich habe selten Anlass, solche Themen von mir aus in die Sangha zu tragen, weil sie uns nicht in erster Linie beschäftigen. Wozu ich mich verpflichtet fühle, ist, Räume bereitzustellen, in denen wir Fragen unserer menschlichen Existenz auf den „Altar“ der Gemeinschaft legen können, und damit sie atmen können und gehört werden, brauchen wir ein Klima, das von der Bereitschaft getragen wird, einander mit Wohlwollen, Respekt und Achtsamkeit zu begegnen. Die allererste Voraussetzung dabei ist, dass wir uns berühren lassen, indem wir lernen einander zuhören, ohne in Debatten einzusteigen.

Du Liebe, ich verstehe Deinen Schmerz und Deine Besorgnis und kann auch fühlen, was Dich zutiefst bewegt. Wir tragen nicht nur individuell, sondern auch kollektiv an den Lebenserfahrungen unserer Generation und denen, auf deren Schultern wir heute stehen.
So vieles ist erlebt und totgeschwiegen, nie ausgesprochen und liebevoll am Lichte betrachtet, geschweige denn auf der psychologischen Ebene verarbeitet worden.

Diese Altlasten sind enorm und zeigen ihre Wirkung, so wie Du es sehr treffend beschrieben hast. Diese Not haben viele Menschen erkannt und sind Inzwischen unterwegs, Heilungsmöglichkeiten zu finden, so wie z.B. Thomas Hübl mit seinen Bemühungen, Wege zu erforschen, um kollektives Trauma zu bearbeiten und zu erlösen. Als einen Weg dazu nennt er immer wieder die Gemeinschaft gleichgesinnter Menschen.

Diese „gleiche“ Gesinnung verstehe ich nicht weltanschaulich, politisch oder gar ideologisch. Sie basiert auch nicht auf kritischer intellektueller Auseinandersetzung oder gar Misstrauen und Ausgrenzung, sondern ist inhärent ein Akt der (Selbst-) Liebe und damit in der Konsequenz ein Bekenntnis zu vertrauensvollem Miteinander. Es entwickelt sich ein angstfreies Feld einer neuen „familiären“ Verbindung, die als liebevoll, unterstützend, beflügelnd und heilend erfahren wird und aus der wir erfrischt und inspiriert hervorgehen können.

Ich kann beobachten, dass viele drängende Fragen gesellschaftspolitischer und beziehungs- dynamischer Art ihre Schärfe und Dringlichkeit verlieren und eventuell gar verschwinden, weil der gemeinsame Fokus sich wie von selbst verlagert: Wir verändern uns. Und hier schließt sich der Kreis, denn was wir hier „tun“ ist politisch brisant, weil wir uns innerlich klären und befreien und der alles verschlingen wollenden Matrix der politischen und wirtschaftlich herrschenden Systeme und ihrer Auswüchse unsere Lebensenergie entziehen, von der sie sich ernähren möchte.

Unsere gegenwärtigen Möglichkeiten, dies auch zu manifestieren sind in der Tat eingeschränkt, denn wir können auf absehbare Zeit nicht physisch zusammenkommen und uns auf ganz konkrete Weise verbinden, unterstützen und stärken. Und solange nutzen wir die virtuellen Möglichkeiten.

Das Internet ist, wie Du sagst, voller Botschaften, deren Inhalte die Ängste der Menschen eher verstärkt und ausnutzt. Dies zu erkennen, gibt mir die Wahl, mich hypnotisieren zu lassen oder nicht. Das heißt vor allem, dass ich Zuflucht in der Sangha der Liebenden nehme, die mein Herz wärmt und atmen läßt, meinem Verstand seinen angemessenen Platz gibt und mein Nervensystem beruhigt und besänftigt.

Ich hoffe, ich habe Dir alles beantwortet. Gerne kannst Du mir wieder schreiben, wenn Du möchtest.

Nochmals vielen vielen Dank.

Sei von Herzen umarmt
Anadi

Ulla

Lieber Anadi, ich glaube, nein, ich bin überzeugt, dass wir durch den beständigen Austausch unserer Herzensangelegenheiten, unserer Trauer und auch unserer Freude und vor allem durch die Präsenz, die wir einander geben, in hohem Maße zur Manifestierung eines neuen Verständnisses des Miteinanders und damit zu den anstehenden Veränderung in der Welt beitragen. In Liebe Ulla

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