DAS RECHT ZU VERTRAUEN

Du hast das Recht, zu vertrauen

Du hast das Recht, zu vertrauen,

auch wenn es zum guten Ton gehört, skeptisch und kritisch zu sein.

 

Sie werden dich blauäugig nennen. In ihren Augen bist du naiv.

Sie werden auf die Realität deuten und dir sagen,

dass du in einer Welt wie dieser kein Recht hast, zu hoffen und zu glauben.

Aber du hast das Recht, zu glauben, zu hoffen und zu vertrauen.

 

Die Misstrauenden werden mit ihrem Misstrauen

die Zustände heraufbeschwören, die sie am meisten fürchten.

Blind in ihrer Hoffnungslosigkeit werden sie auch das nicht mehr sehen,

was ihrer Hoffnung wieder Mut machen würde.

In ihrer Skepsis werden sie weltweise wirken,

mit ihrem Zynismus werden sie ihre Überlegenheit demonstrieren.

 

Wenn sie vorgeben, alles zu durchschauen (nur sich und ihre Ängstlichkeit nicht),

sehen sie doch nur die Oberfläche und glauben,

dass Macht Stärke ist und Vertrauen Schwäche.

Ihre Weisheit ist Kurzsichtigkeit.

 

Du hast das Recht, zu vertrauen,

nicht blindlings wie jemand, der nicht sehen kann;

nicht dumm wie jemand, der nicht denken will;

nicht wirklichkeitsfern, als würdest du alles durch eine rosarote Brille sehen.

 

Aber kühn, weil es Mut erfordert;

als Risiko, um dem anderen einen Freiraum zu schaffen;

als praktische Liebe, die auch ohne Grund liebt,

um das „Auge um Auge“ und „Zahn um Zahn“ zu durchbrechen;

als Vorschuss an Zuwendung,

um eine andere Grundlage des Miteinanders zu schaffen

und nicht in der Angst stecken zu bleiben;

als praktizierte Verletzbarkeit, als Fenster der Verwundbarkeit,

durch das der Feind einfallen kann, es aber vielleicht nicht tut.

 

So können neue Arten des Umgangs gefunden werden.

Es ist die Einstellung, die du wählen kannst.

Vertrauen zu können ist Stärke,

bei der sich der Vertrauende selbst aufs Spiel setzt und doch nicht verliert,

solange er auch nach Niederlagen und Enttäuschungen nicht aufgibt,

sondern neu vertraut.

 

Immer wieder zu vertrauen und Vertrauen zu üben heißt,

die zarten Verbindungen zu knüpfen, nach denen wir uns alle sehnen,

die uns aber nicht gelingen, weil wir Sicherheit wollen.

Um zu vertrauen, müssen wir die Sicherheit aufgeben, an der wir so hängen.

 

Ulrich Schaffer, aus „Grundrechte – Ein Manifest“

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