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Wie der Weihnachtsengel glücklich wurde

Als der kleine Weihnachtsengel erwachte, befand er sich in dem festlich geschmückten Zimmer. Er hing an einem Zweig des Christbaumes ganz in der Nähe einer dicken roten Glaskugel, und wenn er in die Höhe schaute, bis zur Spitze des Baumes, so gewahrte er dort den Weihnachtsstern.

Dem kleinen Weihnachtsengel wurde ganz feierlich zu Mute.
Er erlebte dies alles ja zum ersten Mal in seinem Leben; denn er war erst gestern gekauft worden.

„He wer sind Sie denn?“, plärrte da eine Stimme durch den Raum. Der kleine Weihnachtsengel erschrak. „Ist da jemand?“, fragte er:

„Das will ich meinen“, lautete die Antwort. „Schauen Sie einmal nach unten.“

Der kleine Weihnachtsengel folgte dieser Aufforderung und erblickte zu Füßen des Christbaumes einen großen, bunt gekleideten Herrn mit einem entsetzlich breiten Mund.

„Ich bin ein Weihnachtsengel“, stellte sich der Weihnachtsengel vor „Und wer sind Sie?“

Der bunt gekleidete Herr war empört über diese Frage. Er vertrat nämlich die Ansicht, jeder auf der Welt müsse ihn kennen. „Na, hören Sie mal!“, sagte er.

„Kennen Sie etwa mich, den Nussknacker, nicht? Ich bin eine der berühmtesten Persönlichkeiten aller Zeiten.“ Und bei diesen Worten klapperte er abscheulich mit seinem breiten Mund.

„Entschuldigen Sie vielmals“, sagte der WEIHNACHTSENGEL: „Ich habe Sie wirklich noch nie in meinem Leben gesehen.“

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„Ich dachte es mir“, erwiderte der Nussknacker. „Sie sehen auch ziemlich dumm aus und arm scheinen Sie obendrein zu sein.“ Er wandte sich an einen Herrn, der neben ihm stand.

„Was meinen Sie dazu, Herr Räuchermännchen?“

Das Räuchermännchen sah aus wie ein Nachtwächter. Es trug einen breitkrempigen Hut, einen langen Mantel, ein Nachtwächterhorn und es paffte aus einer langen Großvaterpfeife!“

„Mich geht das nichts an!“, brummelte das Räuchermännchen und stieß eine dicke Rauchwolke von sich. „Aber wenn Sie mich fragen, so meine ich, ein wenig Farbe könnte nicht schaden.“

Der Nussknacker lachte laut auf.

„Ja, sehen Sie mich an, meine prächtige Uniform!“, rief er. „Ein roter Rock mit goldenen Tressen, eine blaue Hose und ein herrlich langer Säbel. Auf meiner Brust erblicken sie silberne und goldene Orden und meine Mütze ist aus edlem Pelzwerk.“

Da musste der kleine Weihnachtsengel dem Nussknacker Recht geben. Er war wirklich ein schmucker Herr, der sich sehen lassen konnte. Der kleine Weihnachtsengel hingegen trug nur ein schlichtes Hemdkleid, das ihm bis zu den Füßen reichte. Auf dem Rücken hatte er zwei Flügel und das einzig Farbige an ihm waren seine rosa Bäckchen. Und das war nun wahrhaftig nicht viel.

Der kleine Weihnachtsengel schämte sich, dass er so einfach gekleidet war, viel einfacher noch als das Räuchermännchen, das immerhin zum grünen Mantel einen blauen Hut trug, das ein goldenes Horn besaß und eine braune Pfeife zum Räuchern. „Es ist wirklich traurig, wenn man so aussieht, wie Sie“, meckerte der Nussknacker, klapperte mit seinem breiten Mund, wackelte mit dem Kopf und fragte: „Sind Sie wenigstens zu etwas nütze?“

Der Weihnachtsengel wusste nicht, was das ist, zu etwas nütz sein. Er musste es sich vom Nussknacker erklären lassen.

Zu etwas nütze sein, so erläuterte ihm der Nussknacker, das sei, wenn man eine gewichtige Aufgabe zu erfüllen habe wie er zum Beispiel: „Ich knacke nämlich Nüsse“, sagte der Nussknacker und plusterte sich dabei gewaltig auf; denn er war der Meinung, Nüsse knacken sei überhaupt die wichtigste Beschäftigung der Welt. „Knacken Sie vielleicht Nüsse?“ fragte der den Weihnachtsengel. „Nein“, antwortete der Weihnachtsengel leise, „Ich knacke keine Nüsse.“

„Das war mir von Anfang an klar!“, rief der Nussknacker. Sie haben auch einen viel zu kleinen Mund.“ Er blickte triumphierend in die Runde, als suche er Beifall für seine Worte. Aber nur das Räuchermännchen nickte mit dem Kopf und meinte, so einfach sei es eben nicht, zu etwas nütze zu sein. Und das Räuchermännchen fragte den Weihnachtsengel, ob er denn vielleicht räuchern und für einen guten Duft in der Weihnachtsstube sorgen könne.

Der Weihnachtsengel musste gestehen, dass er auch nicht zu räuchern verstehe.

„Dann können wir leider nicht mit Ihnen verkehren!“, rief hochnäsig der Nussknacker. „Wir unterhalten uns nur mit Leuten, die farbenprächtig gekleidet sind, wie es sich gehört, und die zu etwas nütze sind.“ Das Räuchermännchen nickte zu diesen Worten und stieß dicke Rauchwolken aus, während der Nussknacker mit dem breiten Mund klapperte. Eine winzige Träne kullerte dem kleinen

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Weihnachtsengel über das Gesicht. Er wandte sich hilfesuchend an den Nussknacker und fragte: „Was soll ich tun? Was raten Sie mir?“

Der Nussknacker lachte hämisch und sagte: „Ich an Ihrer Stelle würde rasch zurückkehren in den Pappkarton, der auf dem Speicher steht.“

Ehe aber der Weihnachtsengel diesen bösen Rat befolgen konnte, öffnete sich die Tür der Weihnachtsstube. Der Vater trat ein, nahm ein Zündholz und steckte die Kerzen in Brand. Dann läutete er mit einer kleinen Porzellanglocke und die Mutter kam mit den Kindern ins Zimmer. Alle sangen gemeinsam ein Weihnachtslied und jedes der Kinder musste ein Gedicht aufsagen. Thomas aber, der Jüngste, blieb mitten in seinem Gedicht stecken. Er hatte den Weihnachtsengel im Baum entdeckt und glücklich rief er: „Oh Mutti, ist der schön!“

Bums – machte es da. Der Nussknacker war vor Ärger umgefallen und das Räuchermännchen verschluckte sich vor Schreck am Rauch und musste husten. Aber niemand kümmerte sich um sie. Alle betrachteten den kleinen Weihnachtsengel.

Dessen Wangen aber röteten sich vor Freude noch mehr. Er wusste nun, dass man nicht unbedingt bunt sein und mit einem breiten Mund klappern muss. Auch ein schlichter Weihnachtsengel ist schön. Thomas hatte es gesagt.

Und nützlich? Na, ist es nichts, wenn einer einen kleinen Buben glücklich macht?

Text und Fotos © Ute Winkelmann

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